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Vom 25. bis 27. Juni 2026 findet die 18. Konferenz der Dozierenden im Förderschwerpunkt Emotionale und Soziale Entwicklung (ESE) statt. Co-Tagungsleiter Robert Langnickel prognostiziert aufgrund der geplanten Keynotes, was die Teilnehmenden erwarten dürfen. Und wie Kinder und Jugendliche im Schulalltag ganz konkret davon profitieren können.
Robert Langnickel, der Untertitel der ESE-Tagung 2026 vom 25. bis 27. Juni 2026 an der PH Luzern lautet «Diagnostik im Spannungsfeld: Klassifikation, Subjektverstehen und Inklusion in der emotionalen und sozialen Entwicklung». Und führt zur Frage: Warum steht Diagnostik im Zentrum der ESE-Tagung?
Robert Langnickel: Diagnostik ist im Förderschwerpunkt Emotionale und Soziale Entwicklung eine Kernpraktik heil- und sonderpädagogischer Professionalität. Sie liefert die fachliche Grundlage für die Entscheidung, welche Unterstützung Kinder oder Jugendliche benötigen, wie die Förderung geplant wird und woran sich ihre Wirkung erkennen lässt. Im Zentrum der Tagung steht deshalb eine diagnostische Grundfrage: Wie wird aus einer Beobachtung im Schulalltag eine faire, nachvollziehbare und pädagogisch hilfreiche Entscheidung?
Warum ist Diagnostik gerade im Feld Verhalten so anspruchsvoll?
Langnickel: Verhalten ist im ESE-Feld selten eindeutig. Ein Kind stört, verweigert sich, zieht sich zurück oder reagiert aggressiv. Solches Verhalten kann Ausdruck psychischer Belastung sein, eine Reaktion auf Überforderung, ein Beziehungssignal, ein Hinweis auf ungünstige Unterrichtsbedingungen oder Teil einer längerfristigen Entwicklung. Diagnostik hilft, solche Deutungen zu prüfen und vorschnelle Zuschreibungen zu vermeiden.
Bitte beschreiben Sie uns den aktuellen Stand der Wissenschaft und die wesentlichen Faktoren recht intensiv geführter Diskussionen.
Langnickel: Ein wesentlicher Diskurs betrifft die Differenz zwischen klinischer Diagnose, administrativer Kategorie und pädagogisch begründetem Förderbedarf. Eine klinische Diagnose beschreibt zunächst eine Störungskategorie. Sonderpädagogischer Förderbedarf muss hingegen pädagogisch begründet werden: mit Blick auf Teilhabe, Ressourcen, schulische Bedingungen, Förderplanung und Verlauf. Genau hier setzt die Keynote von Dennis Hövel an. Sie fragt, wie Förderbedarf fair und transparent sowie mit schulisch umsetzbaren Verfahren festgestellt werden kann.
Womit ein Teildiskurs eröffnet wird, jener bezüglich Unterschied zwischen Statusdiagnostik und Verlaufsdiagnostik.
Langnickel: Richtig. Statusdiagnostik fragt: Liegt ein Unterstützungsbedarf vor und wie lässt er sich fachlich begründen? Sie ist wichtig für Ressourcen, Zuständigkeiten und Förderentscheidungen. Verlaufsdiagnostik fragt: Was verändert sich im Laufe der Zeit und wirkt die gewählte Förderung? Für das ESE-Feld braucht es beides. Ohne Statusdiagnostik fehlen Kriterien und Transparenz. Ohne Verlaufsdiagnostik bleibt unklar, ob die Förderung tatsächlich hilfreich ist.
Warum reicht ein einzelner Test oft nicht aus?
Langnickel: Der Bereich der emotionalen und sozialen Entwicklung umfasst sehr unterschiedliche Phänomene: externalisierende Verhaltensweisen wie Aggression oder Regelverletzungen ebenso wie internalisierende Belastungen wie Angst, Rückzug oder depressive Symptome. Gerade internalisierende Belastungen sind im Schulalltag oft weniger sichtbar. Deshalb braucht es multimodale, multimethodale und mehrperspektivische Diagnostik: Beobachtung, Gespräche, Einschätzungen verschiedener Beteiligter, standardisierte Verfahren und Verlaufsperspektiven müssen zusammenspielen.
Welche Rolle kommt heutzutage den bekannten und auch bewährten standardisierten Verfahren zu?
Langnickel: Standardisierte Verfahren, Screenings, Fragebögen, Beobachtungsinstrumente und digitale Tools strukturieren Wahrnehmungen, machen Einschätzungen vergleichbarer und können blinde Flecken reduzieren. Verfahren liefern wichtige Daten; pädagogisch bedeutsam werden diese Daten erst durch fachliche Interpretation, Kontextwissen und anschliessende Förderentscheidung.
Ein Stichwort aus den Tagungsunterlagen lautet verstehende Diagnostik. Was bedeutet dies konkret?
Langnickel: Verstehende Diagnostik fragt nach der Funktion eines Verhaltens in einer bestimmten Situation. Sie prüft, welche Beziehungserfahrungen, Anforderungen, Belastungen oder institutionellen Bedingungen mitwirken. Damit wird das Verhalten nicht isoliert betrachtet. Die Einschätzung wird präziser, weil Bedingungen, Bedeutung und mögliche pädagogische Antworten gemeinsam in den Blick geraten.
«Gerade diese Verbindung aus Forschung, Lehre, konkreten Tools und schulischer Praxis macht die Tagung für Dozierende, Forschende und Lehrpersonen besonders attraktiv.»
Robert Langnickel
Wie lassen sich standardisierte Verfahren und Fallverstehen möglichst gelingend verbinden?
Langnickel: ESE-Diagnostik braucht beides. Standardisierte Verfahren helfen, Risiken, Unterstützungsbedarfe und Verläufe systematisch sichtbar zu machen. Subjektlogische, relationale, systemische oder verstehende Zugänge helfen dabei, diese Befunde im konkreten pädagogischen Kontext zu deuten. Professionell wird Diagnostik dort, wo Daten, Kriterien, Kontext und pädagogisches Urteil zusammengeführt werden. Dennis Hövel fragt in seiner Keynote nach dem Weg von der klinischen Kategorie zum pädagogischen Entscheid. Besonders wichtig ist seine Unterscheidung zwischen klinischer Diagnose, administrativer Förderquote und pädagogisch begründetem Förderbedarf. Seine Keynote macht deutlich: Das Feld braucht pädagogische Definitionen, transparente Kriterien, empirisch operationalisierte Verfahren, schulisch umsetzbare Prozesse, multiprofessionelle Kooperation und eine starke Sensibilität für Fairness.
Was bringt die Keynote von Lucia B. Amrhein ein?
Langnickel: Lucia B. Amrhein stellt mit dem SMART ACTION LOOP™ ein neu entwickeltes Instrument vor, das theoriebasierte Diagnostik und praxisorientierte Hypothesengenerierung verbindet. Im Zentrum steht diagnostisches Handeln im pädagogischen Handlungsvollzug: Beobachtung und Bewertung unterscheiden, belastende Praxissituationen analysieren, relationale Dynamiken sichtbar machen, fachlich plausible Hypothesen bilden und daraus verstehensorientierte, fachlich begründete Handlungsoptionen ableiten.
Warum ist Diagnostik auch eine Frage der Fairness?
Langnickel: Diagnostische Entscheidungen haben Folgen. Sie können Unterstützung eröffnen, Ressourcen legitimieren und Förderprozesse ermöglichen. Gleichzeitig können sie stigmatisieren, die Teilhabe erschweren oder bestimmte Kinder systematisch übersehen. Der kritische Diskurs um Pathologisierung und Kategorisierung ist deshalb wichtig: Welche Kategorien haben diagnostischen Erkenntniswert? Welche dienen vor allem der Verwaltung? Welche erzeugen problematische Zuschreibungen?
Welche Bedarfe der Praxis werden von der Tagung aufgegriffen?
Langnickel: In Schulen müssen diagnostische Entscheidungen häufig unter Zeitdruck, mit begrenzten Ressourcen und in multiprofessioneller Abstimmung getroffen werden. Lehrpersonen und schulische Heilpädagog*innen müssen klären: Ist ein Verhalten Ausdruck einer vorübergehenden Belastung? Braucht es gezielte Förderung? Welche Perspektiven von Kindern, Eltern, dem Team und den Fachstellen fehlen noch? Wie lässt sich prüfen, ob eine Massnahme wirkt? Die Tagung greift diese Praxisfragen mit Beiträgen zu Förderplanung, Einzelfallverläufen, sozial-emotionalem Lernen, digitalen Tools, Elternperspektiven, Mehrsprachigkeit, Teilhabe und Kooperation auf.
Und das Programm der ESE-Tagung in Luzern geht ganz konkret auf diese Aspekte ein?
Langnickel: Absolut. Das Programm macht wesentliche Zukunftsfragen der ESE-Diagnostik sichtbar: Wie werden Förderbedarfe fair festgestellt? Wie können digitale Tools helfen, ohne pädagogisches Urteil zu ersetzen? Wie wird aus Beobachtung eine Hypothese? Wie werden Förderziele besser formuliert? Wie lassen sich Schüler*innen- und Elternperspektiven einbeziehen? Wie kann Diagnostik die Teilhabe verbessern, statt lediglich Auffälligkeiten zu markieren? Gerade diese Verbindung aus Forschung, Lehre, konkreten Tools und schulischer Praxis macht die Tagung für Dozierende, Forschende und Lehrpersonen besonders attraktiv und schafft einen Ort, an dem gemeinsam an der Weiterentwicklung des Feldes gearbeitet wird. Mit anderen Worten: Die Tagung setzt Diagnostik ins Zentrum und öffnet zugleich den Blick auf die Breite des Förderschwerpunkts Emotionale und Soziale Entwicklung. Im Programm finden sich auch weitere Beiträge zu sozial-emotionalem Lernen, Beziehungsgestaltung, Inklusion, Teilhabe, psychischer Gesundheit, Elternperspektiven, Bewegung, Kunst, Krankheit, Übergängen, Professionalisierung und schulischer Praxis. Damit wird Diagnostik dort verortet, wo sie pädagogisch bedeutsam wird: im Zusammenspiel von Förderung, Unterricht, Beziehung, Kooperation und konkreten Unterstützungsprozessen.
Mit Verlaub: Eine etwas forsche Schlussfrage: Was soll nach der Tagung anders sein?
Langnickel: Im besten Fall gehen Teilnehmende mit einer präziseren diagnostischen Fragehaltung in Forschung, Lehre und Praxis zurück. Leitend sind dann Fragen wie: Welche Daten brauche ich? Welche Perspektiven fehlen? Welche Hypothesen sind plausibel? Welche Förderung folgt daraus? Woran erkenne ich, ob sie wirkt? Das ist der Kern einer Diagnostik, die pädagogische Handlungsfähigkeit stärkt. Und ich erlaube mir eine nicht weniger forsche, verknappte Zusammenfassung: Diagnostik im ESE-Feld bildet einen wesentlichen professionellen Weg von der Beobachtung, Erhebung und Deutung bis hin zur begründeten pädagogischen Entscheidung. Sie klärt, wie ein Verhalten im Kontext einzuordnen ist, welcher Unterstützungsbedarf besteht, welche Förderung daraus folgt und ob diese im Verlauf tatsächlich wirksam wird.