28. Januar 2026

«Jedes Kind zählt. Immer. Überall.»

Die PH Luzern engagiert sich seit Jahren für die Rechte von Kindern. Thomas Kirchschläger und Sandra Limacher blicken zurück und in die Zukunft.

Was sind die wichtigsten Gründe dafür, dass sich die Pädagogische Hochschule Luzern sehr stark für das Bewusstsein für Kinderrechten einsetzt?

Thomas Kirchschläger: Kinder sind eigenständige Rechtsträger*innen. Sie haben – unabhängig von Alter, Herkunft oder Lebenssituation – eigene, international anerkannte Rechte. Diese sind in der UN-Kinderrechtskonvention (KRK) von 1989 festgeschrieben, die von fast allen Staaten weltweit ratifiziert wurde. Die PH Luzern hat bereits in den Nullerjahren auf dieses Thema gesetzt, Foren und Fachtagungen organisiert und von 2008 bis 2020 ein eigenes Zentrum für Menschenrechtsbildung gehabt. Kürzlich wurde der UNESCO-Lehrstuhl für Didaktik der Nachhaltigkeitswissenschaft und politische Bildung lanciert.

Sandra Limacher: Die Schweiz hat die Kinderrechtskonvention 1997 ratifiziert und sich damit verpflichtet, die Rechte von Kindern auf nationaler, kantonaler und kommunaler Ebene umzusetzen und zu schützen.

In deren Zentrum steht das so genannte Kindeswohl.

Limacher: Genau, und für «the best interest of the child» ist elementar wichtig, dass mit den Kinderrechten Kinder und Jugendliche geschützt und anerkannt, gefördert und beteiligt werden.

Das heisst konkret?

Kirchschläger: Schutzrechte bewahren Kinder vor Gewalt, Vernachlässigung, Ausbeutung und Diskriminierung. Förderrechte garantieren Zugang zu Bildung, Gesundheit, Freizeit und kultureller Teilhabe. Beteiligungsrechte ermöglichen Kindern, ihre Meinung einzubringen und an Entscheidungen anerkennend mitzuwirken, die sie betreffen.

Limacher: Diese Rechte sind die Grundlage für Bildung in der Schweiz: für kantonale und bundesweite Bildungs- und Schutzkonzepte.

Und wie lässt sich die Wahrung dieser Rechte in unserer Region und darüber hinaus via Bildungseinrichtungen konkret erwirken?

Limacher: Kinderrechte betreffen nicht nur Bildungseinrichtungen, sondern alle Lebensbereiche: Familie, Betreuung, Freizeit, Gesundheit, Medien, Verwaltung und Politik. Ihre Umsetzung erfordert die Zusammenarbeit von Bund, Kantonen, Gemeinden, Institutionen und Fachpersonen. Auch die Zivilgesellschaft – etwa Vereine, Organisationen und Fachnetzwerke – trägt eine wichtige Verantwortung, Kinderrechte sichtbar zu machen und zu stärken. Ich kann nur nochmals betonen: Die Umsetzung der Kinderrechte ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Vor allem erfordert die Umsetzung der Kinderrechte eine kinderrechtsbasierte Haltung von Erwachsenen.

Kirchschläger: Absolut. Die Umsetzung der Kinderrechte hängt wesentlich von der Haltung und dem Bewusstsein der Erwachsenen ab. Eine kinderrechtsbasierte Haltung bedeutet, Kinder als eigenständige Subjekte mit Rechten wahrzunehmen, ihre Perspektiven einzubeziehen und Verantwortung für ihr Wohl zu übernehmen.

Limacher: Genau! Kinderrechte werden nicht allein durch gute Absichten verwirklicht, sondern durch klare Zuständigkeiten, gesetzliche Grundlagen, kindgerechte Verfahren und die Ausbildung von Fachpersonen. Institutionen, Behörden und Organisationen tragen eine gemeinsame Verantwortung, Kinderrechte systematisch und vernetzt umzusetzen und zu evaluieren.

Schulen können sehr viel dazu beitragen, dass das Individuum und die Gemeinschaft respektiert und gestärkt werden. Sie verstehen sich als kinderrechtsbasiert, demokratisch und menschenrechtsorientiert.

Thomas Kirchschläger

Womit wir aber doch bei der Rolle von Bildungseinrichtungen und Lehrpersonen angekommen wären.

Kirchschläger: Schulen können sehr viel dazu beitragen, dass das Individuum und die Gemeinschaft respektiert und gestärkt werden. Sie verstehen sich als kinderrechtsbasiert, demokratisch und menschenrechtsorientiert. Individuum und Gemeinschaft bedingen und stärken sich hier gegenseitig. Kinder und Jugendliche entwickeln Wissen und Können in respektvoller Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Denk- und Handlungsweisen. Für ihre soziale und kognitive Entwicklung benötigen sie Gemeinschaften, in denen sie sich zugehörig, sicher, einbezogen und niemals ausgeschlossen fühlen (vgl. Heidi Gehrig (2018). Individualisierende Gemeinschaftsschule. Menschenrechte und Demokratie leben und lernen. Schulverlag. S. 18-32).

Limacher: Die wichtigsten Faktoren hierzu im Telegrammstil: Eine Individualisierende Gemeinschaftsschule

  • balanciert Individuums- und Gemeinschaftsorientierung,
  • fördert Persönlichkeitsentwicklung und Gemeinschaftsfähigkeit gleichwertig,
  • bietet Lernfelder für individuelles und gemeinschaftliches Lernen,
  • gibt dialogischem Lernen in Gruppen und demokratischen (Entscheidungs-)Prozessen Raum,
  • lebt Vielfalt und konstruktiven Umgang mit Verschiedenheit,
  • nimmt alle mit.

Kirchschläger: Kinderrechte machen sichtbar, dass kein Kind übersehen werden darf – weder im Klassenzimmer noch in der Gesellschaft. Jedes Kind hat eine Würde – immer und überall. Diese Würde zu achten, ist Kern aller pädagogischer und gesellschaftlicher Verantwortung.

Limacher: Oder noch eine Spur prägnanter: Jedes Kind zählt. Immer. Überall.

Gibt es für Sie bezüglich Engagement der PH Luzern für Kinderrechte besondere Meilensteine?

Limacher: Vielleicht können wir zwei etwas hervorheben: LUKIRE und KIDIMO.

Und bestimmt können Sie auch gleich verraten, was hinter diesen Abkürzungen steckt?

Limacher: LUKIRE steht für «Lernumgebung Kinderrechte» und ist ein Kinderrechtsprojekt der PH Luzern. Es sensibilisiert Kinder und Jugendliche für ihre Rechte und die Rechte anderer Menschen. LUKIRE stellt dafür stufenspezifische Lernumgebungen mit vielfältigen Lernstationen zur Verfügung. An den Lernstationen erkunden die Kinder und Jugendlichen aktiv und eigenverantwortlich die Kinderrechte und deren Inhalte und setzen sich mit deren Bedeutung für ihre Welt auseinander. Zentral sind dabei Lebensweltbezüge und die Frage, wie die Kinderrechte im Alltag gelebt und durchgesetzt werden können. 

Kirchschläger: KIDIMO ist eine App, welche die PH Luzern zusammen mit der Ostschweizer Fachhochschule und der UNICEF Schweiz und Liechtenstein entwickelt hat – gemeinsam mit 170 Kindern und einem breiten Partnernetzwerk im Kinderrechtsbereich. Ziel der App ist es, Kindern auf spielerische Art und Weise ihre Rechte entlang der UN-Kinderrechtskonvention näherzubringen. Mit einer selbst gestalteten Spielfigur können Kinder in drei thematischen Welten ihre Schutz-, Förder- und Beteiligungsrechte erkunden.

An der PH Luzern auch laufend Weiterbildungsangebote für Lehrpersonen.

Kirchschläger: Nicht nur für Lehrpersonen. Im «CAS Kinderrechte, Demokratie und Menschenrechte leben, lernen und lehren» sind alle willkommen. Denn es geht um Aspekte wie: Wie kinder- und menschenrechtsorientiert und demokratisch ist meine Schule oder meine Institution? Wie kann ich in meiner Schule oder an meinem Arbeitsort Kinderrechte, Demokratie und Menschenrechte stärken und konkret umsetzen? Die Teilnehmenden erwerben Kenntnisse und entwickeln Fähigkeiten hinsichtlich Kinderrechts-, Demokratie- und Menschenrechtspädagogik für ihr berufliches Umfeld. Dabei werden Haltungen, Inhalte und praktische Fragen analysiert und diskutiert und im Austausch mit Expert*innen aus der Praxis weitergedacht. 

Limacher: Spezifisch für Lehrpersonen bieten wir eine Fachberatung Kinderrechte an.

Interview: Marco von Ah

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