19. Januar 2026

International auf der Suche nach Inklusiven Visionen

Thomas Müller hat im Rahmen des Swiss-European Mobility Programmes (SEMP) mehrere Kurzaufenthalte zum Thema Inklusive Bildung absolviert. Er berichtet von seiner bereichernden Erfahrung.

Während in der Schweiz wieder vermehrt Ideen von Separation durch Medien und Politik verbreitet werden, wollte ich mein Sabbatical mitunter dazu nutzen, den Blick über den Gartenhaag der Schweiz auf Schulen zu werfen, welche schon seit längerer Zeit inklusiv unterwegs sind. Darüber hinaus interessierte mich als Co-Studiengangsleiter des Masterstudiengangs in Schulischer Heilpädagogik (MA SHP) natürlich auch, welche Kompetenzen besonders wichtig sind, damit Schulische Heilpädagog*innen inklusive Schulen und Schulsysteme effizient unterstützen und mitgestalten können.

So besuchte ich in den vier Monaten insgesamt sechs inklusive Schulen in Oslo, Stavanger, Wien, Köln und Bielefeld und tauschte mich mit Mitarbeitenden der Universitäten Stavanger und Bielefeld über unsere Studienpläne aus. Darüber hinaus wollte ich von all meinen Gesprächspartner*innen wissen, was für sie eine gute Schulische Heilpädagogin beziehungsweise einen guten Schulischen Heilpädagogen ausmacht.

Fünf für mich besonders zentrale Erkenntnisse, die ich bei diesem Austausch machen durfte, stelle ich gerne in zusammengefasster Form dar:

  1. Es gibt bedeutende gemeinsame Kernmerkmale inklusiver Schulen: Obwohl ich inklusive Schulen in unterschiedlichen Ländern auf unterschiedlichen Stufen und mit unterschiedlichsten Rahmenbedingungen besuchte habe, sind die Gemeinsamkeiten für mich frappant. Dazu gehört beispielsweise eine äusserst wertschätzende, ressourcenorientierte und diversitätsbefürwortende Grundhaltung des Personals und eine starke Gewichtung überfachlicher Kompetenzen. Dazu gehören aber auch Merkmale wie eine ausgeprägte Teamkultur, eine intensive Zusammenarbeit mit den Erziehungsberechtigten oder flache Hierarchien zwischen Schulleitung, Lehrpersonen und Lernenden. Ein kleines Detail das diese flache Hierarchie illustriert: In allen besuchten Schulen herrschte eine Du-Kultur zwischen Lehrenden und Lernenden.
  2. Auch Vorzeigeschulen kochen nur mit Wasser: Ich erlebte nebst mancher Sternstunde auch manche anspruchsvolle pädagogische Situation, die längst nicht immer so gelöst wurde, wie man das vom Personal einer «Modellschule» vielleicht erwarten würde.
  3. Mehr Gelassenheit wäre dem Schweizer Schulsystem zuträglich: Was mich aber gerade im Zusammenhang mit solch unbefriedigenden Situationen beeindruckt hat, ist die Gelassenheit: Die Situationen waren kein Grund für Vorwürfe, weder sich selber noch anderen gegenüber. Stattdessen wurden sie als Teil des Lernprozesses interpretiert und teilweise auch als Möglichkeit genutzt, den Lernenden zu zeigen, dass auch Lehrpersonen aus Fehlern lernen können. «Wie sollen die Lernenden Fehler als Lerngelegenheiten verstehen, wenn wir als Lehrpersonen dies nicht tun?», fragte mich eine Lehrperson, als ich sie nach der Zauberformel für ihre Gelassenheit fragte. Die gleiche Gelassenheit konnte ich auch im Umgang mit ausbleibenden Lernfortschritten (insbesondere in Bezug auf fachliche Lernziele von Lernenden) beobachten: «Ich sage mir einfach, dass morgen die nächste Lerngelegenheit kommen wird!», antwortete eine andere Lehrperson deshalb auf die gleiche Frage. Ich hatte den Eindruck, dass diese Gelassenheit sich auf das Klassenklima ebenso positiv auswirkte wie auf die Arbeitszufriedenheit der Unterrichtenden.  
  4. Die Qualität liegt im Personal: Die Qualität des von mir besuchten Unterrichts hing meines Erachtens ebenso wenig vom pädagogischen Konzept ab wie von Rahmenbedingungen wie Klassenzusammensetzung, Stundenplan, Räumlichkeiten oder Pensenumfang. Vielmehr attribuierte ich die Unterrichtsqualität mit den pädagogischen Kompetenzen der Unterrichtenden und mit deren Fähigkeit, das eigene Handeln selbstkritisch und dennoch gelassen zu interpretieren.
  5. Der MA SHP der PH Luzern ist auf gutem Weg: Sowohl beim Austausch mit den Universitäten Stavanger und Bielefeld als auch beim Besuch der inklusiven Schulen kam ich zum Schluss, dass der MA SHP mit seinem Studienprogramm auf sehr gutem Weg ist, SHP auszubilden, welche die (inklusive) Bildung von Kindern und Jugendlichen mit besonderen Lernausgangssituationen wirkungsvoll unterstützten, sei es im integrativen oder auch im separativen Setting. Meine Einschätzung beruht dabei einerseits auf dem Vergleich unseres Studienprogramms mit demjenigen von Stavanger und Bielefeld: Während die inhaltliche Ausrichtung ähnlich ausfällt, durfte ich bei der Erläuterung unserer hochschuldidaktischen Umsetzung das Feedback entgegennehmen, dass wir das Potenzial des berufsbegleitenden Charakters unseres Studiums sehr überzeugend nutzen würden. Andererseits hatte ich den Eindruck, dass unsere Studienabgängerinnen mit den von uns vermittelten Kompetenzen und Haltungen auch gut in die von mir besuchten inklusiven Schulen passen würden. Schliesslich stellte ich fest, dass wir in unserem Studiengang im Sinne eines Doppeldeckers auch die unter Punkt 1 erwähnten Merkmale inklusiver Schulen umsetzen.

Abschliessend ist es mir ein Anliegen, mich ganz herzlichen bei allen zu bedanken, die mir diese wertvollen Erfahrungen ermöglicht haben. Ich freue mich darauf, diese in meine Arbeit an der Pädagogischen Hochschule Luzern zu tragen.


Kontakt

Co-Leiter Studiengang Schulische Heilpädagogik, Leiter Studienprogramme HP
Thomas Müller
MA
Sentimatt 1
6003 Luzern
thomas.mueller@phlu.ch
Portrait
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