9. September 2022

Erinnerung partizipativ gestalten

Materielle Erinnerungskultur ist eine wichtige Ressource demokratischer Legitimität. Auch in der Schweiz haben sich in den letzten Jahren die Debatten über Erinnerungskulturen und ihre Darstellungen im öffentlichen Raum intensiviert. Anne Schillig, wissenschaftliche Mitarbeiterin am IGE der PH Luzern, hat mit Gian Knoll und Sebstián Lingehöle aus dem Masterstudiengang Geschichtsdidaktik und öffentliche Geschichtsvermittlung eine aktuelle Studie veröffentlicht. 

Woran erinnern wir uns? Demokratische Gesellschaften müssen diese Frage stets neu aushandeln. Jüngst hat eine Studie im Auftrag der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW) 14 Projekte untersucht, in denen Vereine, Künstlerkollektive oder andere Gruppen neue Denkmäler angeregt oder bestehende Denkmäler im öffentlichen Raum verändert haben. Drei Beispiele:

  • 1999 transportierte ein Künstlerkollektiv das Denkmal für Alfred Escher und drei weitere Statuen von der Zürcher Innenstadt ins Trendquartier in Zürich West. Die leeren Sockel überliess man der Öffentlichkeit als Bühne und Kunstplattform. 
  • In der Stadt Portland (USA) animierte eine Non-Profit-Organisation nach mehreren Denkmalstürzen Aktivistenverbände und Nachbarschaften dazu, Ideen zur Umgestaltung der lokalen Denkmallandschaft einzureichen. Daraus entstand eine Online-Galerie und die Ausstellung «Prototypes». 
  • 2022 stimmte das Schweizer Parlament fast geschlossen für ein nationales Holocaust-Memorial. Der Anstoss dafür kam von rund 50 Organisationen aus der Zivilgesellschaft.

«Die transnationale Perspektive gibt einen guten Einblick in die verschiedenen Möglichkeiten und Wege, welche eine partizipative Erinnerungskultur nehmen kann», so Studienautorin und Historikerin Anne Schillig von der Pädagogischen Hochschule Luzern. Zusammen mit den Geschichtsdidaktikern Sebastián Lingenhöle und Gian Knoll erstellte sie aus den Fallbeispielen ein Mapping von Teilhabepraktiken wie Petitionen, öffentliche Abstimmungen, Diskussionsforen oder autonome Aktionen.

10 Empfehlungen für Teilhabe-Projekte in der Schweiz

Die Autorin und Autoren leiten aus ihren Ergebnissen zehn Empfehlungen ab, die Organisationen und Gruppen aus der Zivilgesellschaft dabei unterstützen können, Teilhabeprojekte in der Schweiz zu realisieren. So betont Sebastián Lingenhöle: «Auch wenn der Einsatz sozialer Medien den Partizipationsgrad deutlich erhöht, hat sich gezeigt, dass der direkte Austausch vor Ort die Realisierung eines Projekts begünstigt». Für Fachpersonen aus Politik und Verwaltung bieten die Empfehlungen eine Orientierung, wie partizipative Projekte angestossen werden können:

  • Communitys schaffen: Es ist sinnvoll, als feste Community aufzutreten, zum Beispiel als Verein oder Kollektiv.
  • Kooperationen und Netzwerke bilden: Vielfältige Verbindungen mit Politikerinnen oder Künstlern ebnen den Weg für eine breite Mobilisierung.
  • Digitale Technologien nutzen: Im digitalen Raum lassen sich Ideen sammeln und visualisieren, mit Social Media mobilisieren. Der persönliche Austausch bleibt dennoch zentral.
  • Think globally, act locally: Projekte, die an Ereignisse von überregionaler Bedeutung anknüpfen, aber eine lokale Umsetzung anstreben, haben gute Aussichten auf Erfolg.
  • Wettbewerbe, Abstimmungen und Bürgerforen organisieren: Für Behörden und andere Auftraggeber empfehlen sich transparente und dialogische Formate zu nutzen.
  • Ganzheitliche Partizipation ermöglichen: Projekte, die nicht nur punktuell, sondern in allen Phasen Teilhabefenster einbauen, erreichen eine hohe Beteiligung.
  • Über das Einzelobjekt hinausdenken: Es ist zielführend, früh konkrete Massnahmen für die langfristige Vermittlung zu formulieren.
  • Temporäre Denkmalaktionen durchführen: Vorübergehende Aktionen können Aufmerksamkeit erzeugen und – sauber dokumentiert – auch langfristige Effekte erzielen.
  • «Fast Track»-Verfahren erwirken: Gelangt ein Anliegen auf die politische Agenda, können sich kurze Dienstwege ergeben.
  • Den politisch-rechtlichen Rahmen kennen und nutzen: Um Mittel wie Petitionen oder temporäre Aktionen effektiv einzusetzen, müssen gründliche Abklärungen getroffen werden.

Die Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW) hatte den Auftrag ausgeschrieben, und das Institut für Geschichte und Erinnerungskulturen (IGE) der PH Luzern bewarb sich in einem Konkurrenzverfahren darum . Peter Gautschi, der verantwortliche Leiter des IGE, freut sich darum doppelt:  «Dass wir von der PH Luzern diesen Auftrag von der SAGW bekommen haben, ist ein Beweis für die hohe wissenschaftliche Qualität unserer Arbeit und unserer Mitarbeitenden. Zudem ist die Studie so gut, dass ihr grosse Aufmerksamkeit in der Wissenschaft, aber auch in der politischen und kulturellen Öffentlichkeit gewiss ist.»


Kontakt

Wissenschaftliche Mitarbeiterin
Anne Schillig
Dr. phil.
Frohburgstrasse 3
6002 Luzern
anne.schillig@phlu.ch
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