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Anfang 2025 lancierte die PH Luzern die Lern-App «Fürsorge und Zwang». Gemeinsam mit den Pädagogischen Hochschulen Waadt und Tessin entwickelte sie im Auftrag des Bundesamts für Justiz ein digitales Lernangebot zur Geschichte der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen. Doch was ist seither mit der App passiert? Die Erfahrungen aus Schule und kirchlichem Unterricht zeigen: Die App hat ihren Weg in die Praxis gefunden.
Die Lern-App «Fürsorge und Zwang» wurde entwickelt, um Jugendlichen einen Zugang zu einem schwierigen Kapitel der Schweizer Geschichte zu ermöglichen. Im Zentrum stehen Lebensgeschichten von Betroffenen, die in Video-Interviews von ihren Erfahrungen berichten. Ergänzt werden diese durch historische Quellen, Hintergrundinformationen und Arbeitsaufträge.
Mittlerweile wird das Angebot in unterschiedlichen Bildungskontexten eingesetzt. Lehrpersonen berichten übereinstimmend, dass die App nicht nur Wissen vermittelt, sondern Gespräche und Reflexionen anregt.
Für die Luzerner Lehrerin Jasmine Steger etwa liegt eine besondere Stärke des Angebots darin, dass die App einen geschützten und kontrollierten Rahmen biete: «Am wertvollsten ist die Enttabuisierung des Themas. Die App schafft einen geschützten Rahmen, in dem über schwierige historische Erfahrungen gesprochen werden kann.» Auch die Reaktionen der Jugendlichen seien eindrücklich gewesen: «Bei diesem Thema hatte ich das Gefühl, dass die Geschichten etwas bei ihnen auslösten.»
Ähnliche Erfahrungen machte Dominique Nania, Oberstufenlehrer aus Bern. Besonders überzeugt habe ihn die Verbindung von Fachwissen und persönlichem Zugang: «Ich bin der Meinung, dass historisches Lernen auch einen emotionalen Zugang braucht.» Viele Schülerinnen und Schüler hätten überrascht reagiert, weil ihnen nicht bewusst gewesen sei, dass sich die geschilderten Ereignisse in der Schweiz abgespielt haben.
Ebenfalls hat das Thema bei den Jugendlichen weitere Fragen ausgelöst, wie sich bei einigen Schülerantworten zeigt: «Wie können Menschen so etwas Böses machen?» Oder: «Weshalb schaute die Mutter immer weg?» Dabei blieb die Auseinandersetzung oft nicht beim Unterrichtsstoff stehen. Immer wieder entstanden Gespräche über Familiengeschichten und Erfahrungen aus dem persönlichen Umfeld.
Dass die App auch ausserhalb des regulären Schulunterrichts funktioniert, zeigen die Erfahrungen von Nadja Heimlicher, reformierte Pfarrerin und Dozentin in der kirchlichen Bildungsarbeit. Obwohl ihr Unterricht jeweils nach einem langen Schultag stattfand, erlebte sie die Jugendlichen als überaus aufmerksam: «Die Jugendlichen waren überdurchschnittlich präsent und konzentriert bei der Sache.»
Trotz aller positiven Rückmeldungen verstehen Lehrpersonen die App nicht als Ersatz für guten Unterricht. Vielmehr wird sie als Werkzeug wahrgenommen, das Lehrpersonen unterstützt und neue Zugänge eröffnet. «Die App bietet eine solide Grundlage, die von der Lehrperson flexibel ergänzt werden kann», sagt beispielsweise Dominique Nania.
Es darf festgestellt werden: Aus einem Entwicklungsprojekt ist ein Bildungsangebot geworden, das heute in Schulzimmern und anderen Lernräumen eingesetzt wird. Oder wie es Jasmine Steger im unten verlinkten Interview formuliert: «Die App ist bereits wieder fest eingeplant.»