Entwicklungen in der Bildung wissenschaftlich fundiert mitgestalten

Per 1. September 2019 übergab Prof. Dr. Werner Wicki sein Amt als Prorektor Forschung und Entwicklung infolge ordentlicher Pensionierung an Prof. Dr. Dorothee Brovelli. Marco von Ah, Leiter Kommunikation und Marketing, führte ein Interview mit dem langjährigen und der neuen Leistungsbereichsleitenden zu den beiden Tätigkeitsbereichen Forschung und Entwicklung und ihrem Bezug zum Berufsfeld. 

Prof. Dr. Werner Wicki

Das übergeordnete Thema des Tätigkeitsberichts 2019 ist die Lehrmittel-Entwicklung: Herr Wicki, wie würde eine Zeitraffer-Aufnahme der letzten knapp 20 Jahre aussehen?

Werner Wicki: Seit wir im Jahr 2003 mit der Pädagogischen Hochschule Zentralschweiz (PHZ) gestartet sind, gab es im Leistungsbereich Forschung und Entwicklung neben strukturellen vor allem inhaltliche Weiterentwicklungen, die eine stärkere Fokussierung auf die Fachdidaktiken ermöglichten. Damit sind wir in den Schulen insbesondere dank der Entwicklung von Lehrmitteln und Lernmaterialien besser sichtbar. Zudem konnten wir unsere Kompetenz im Bereich der Heterogenität kontinuierlich ausbauen. Unsere Beratungstätigkeit wird von Schulen sehr geschätzt.

Prof. Dr. Dorothee Brovelli

Sie sprechen damit die Bedeutung von Entwicklungsprojekten an. Wie sehen Sie, Frau Brovelli, den Stellenwert Ihres anderen Tätigkeitsbereichs, der Forschung?

Dorothee Brovelli: Hinter der Forschung im Bildungsbereich steht der Grundgedanke, dass Unterricht und Lehrpersonenbildung nicht auf blosser Überzeugung oder gar Ideologie beruhen dürfen, sondern auf der bestmöglichen wissenschaftlichen Grundlage. Mich persönlich motiviert stark die Vorstellung, dass wir mit unseren Erkenntnissen zu einem besseren Lernen von Schülerinnen und Schülern beitragen zu können. 

Für anwendungsorientierte Forschung im Bildungsbereich wird häufig der Vergleich mit der Medizin herangezogen. Was kann man daraus über die Anwendung von Forschung lernen?

Dorothee Brovelli: Die herausragenden Fortschritte in der Medizin basieren darauf, dass Ärztinnen und Ärzte Befunde aus experimentell-vergleichenden Kontrollversuchen als Grundlage ihrer Arbeit akzeptieren. Eine Partnerschaft zwischen Wissenschaft und Berufsfeld erscheint mir hier besonders gewinnbringend. Und wie in der medizinischen Forschung stellt auch für viele Forschende an der PH die Sinnhaftigkeit und Bedeutsamkeit der eigenen Arbeit in Hinblick auf eine mögliche Anwendung eine starke Motivation dar.

Worin liegt nun aber der Nutzen solcher Forschung für die Praxis in den Schulen?

Werner Wicki: Forschung steht für mich in einer engen Beziehung zu Entwicklung. So entwickelten an der PH Luzern in der Vergangenheit meist Dozierende, die auch in der Forschung tätig waren, auf Mandatsbasis zuhanden von Verlagen Unterrichtsmaterialien und Lehrmittel für die verschiedenen Stufen der Volksschule. Mit der Forschungstätigkeit ist man quasi gezwungenermassen stets auf dem Stand der neuesten Erkenntnisse – und diese sind notwendig, um Lehrmittel zu entwickeln, die wissenschaftlich wasserdicht sind.

Welche Anstrengungen werden konkret unternommen, um Forschungsergebnisse in der Praxis zu implementieren?

Werner Wicki: Wir versuchen natürlich unsere Ergebnisse bekannt zu machen. Dies kann in Form von Publikationen oder an Tagungen geschehen. Die Lehrpersonen erreichen wir aber am besten über Weiterbildungen, in die unsere Forschungsergebnisse direkt einfliessen. Die Implementierung der Ergebnisse an sich ist aber Aufgabe des Kantons, wobei man festhalten darf, dass unsere Volksschulen qualitativ bereits auf sehr gutem Niveau sind. Bei neuen Herausforderungen wie der Einführung des Lehrplans 21, der Digitalisierung oder beim Umgang mit sozialen Medien können wir mit unseren Forschungsergebnissen und Entwicklungen aber sicherlich Unterstützung leisten.

Können Forschungsergebnisse tatsächlich so direkt in die Schulpraxis einfliessen, wie Sie das jetzt skizzieren? Die Levels von Forschung auf Ihrer Stufe und Anwendung auf Schulpraxis-Niveau sind ja sehr unterschiedlich.

Werner Wicki: Absolut – weil unsere Forschungsergebnisse Orientierungswissen darstellen. Ich möchte an dieser Stelle an das Nationale Forschungsprojekt zum Frühenglisch erinnern, das zeitgleich mit dessen Einführung von der PH Luzern in der ganzen Zentralschweiz durchgeführt wurde. Die ermutigenden Projektergebnisse und die damaligen Empfehlungen haben die weitere Praxis des Fremdsprachenunterrichts unterstützt und wohl auch beeinflusst. 

Profitiert von einem derartigen Erfolg wiederum auch die PH Luzern selber?

Werner Wicki: Der Nutzen besteht im Rückfluss der Forschungsaktivitäten zurück zur Lehre. Dadurch kann die PH Luzern ihre Lehrpersonenbildung auf dem Niveau der aktuellen Forschung anbieten. Sie muss sich nicht auf «Second-hand-Wissen» stützen, das zum Zeitpunkt der Anwendung möglicherweise schon wieder überholt ist. Durch die Einbindung von Schulen in unsere Forschungsprojekte konnten wir sehr viel von der Berufspraxis profitieren. Umgekehrt versuchen wir natürlich, den Schulen durch praxisorientierte Forschungsergebnisse etwas zurückzugeben. Insbesondere mit den erwähnten Entwicklungsprojekten gelingt dies der PH Luzern sehr zufriedenstellend.

Wo steht die Bildungsforschung der Schweiz im internationalen Vergleich?

Werner Wicki: Insgesamt hat die Bildungsforschung der Schweiz in den letzten Jahrzehnten nur wenig internationale Ausstrahlung gehabt, was bis zur Gründung der Pädagogischen Hochschulen gewiss auch mit der geringen Zahl an namhaften Bildungsforscherinnen und -forschern auf den wenigen universitären Lehrstühlen zu tun hatte. In den letzten 10 Jahren nehme ich eine zunehmende Präsenz von Schweizer Autorinnen und Autoren in den internationalen Fachzeitschriften wahr. Ein grosser Teil davon hat eine Anstellung an einer Pädagogischen Hochschule. Diese Entwicklung ist sehr erfreulich.

Dorothee Brovelli: Wichtig für diese Entwicklung ist sicher auch unsere nationale und internationale Vernetzung, zum Beispiel auf dem Hochschulplatz Luzern («Campus Luzern») oder im Rahmen unseres Promotionskollegs mit der PH Heidelberg, die im Gegensatz zu den Schweizer PHs das Promotionsrecht besitzt. Für die Zukunft streben wir einen weiteren Ausbau dieser Vernetzung an.

Wie soll sich der Leistungsbereich Forschung und Entwicklung weiterentwickeln?

Dorothee Brovelli: Für die Weiterentwicklung des Leistungsbereichs ist mir eine noch stärkere Verbindung von Forschung und Lehre ein zentrales Anliegen. Ich bin überzeugt davon, dass Lehrpersonenbildung und Forschung von vielfältigen Wechselbeziehungen profitieren, und ein Ausbau der Forschung nicht zu Lasten, sondern zum Wohle der Lehre an unserer Hochschule gehen wird. Der Erkenntnistransfer von der Forschung in die Lehre soll zur Qualität der Ausbildung beitragen, z. B. durch Ergebnisse von Wirksamkeitsforschungen und durch forschungsbasierte innovative Lehr-Lern-Formate. Konkret bedingt das unter anderem eine weitere Stärkung der Fachdidaktiken im Zusammenspiel mit den Bildungswissenschaften, besonders bei Fächern mit noch niedrigem Forschungsanteil. 

Welche direkten Folgen erhoffen Sie sich dadurch?

Dorothee Brovelli: Die Zugänge und Ergebnisse der Forschung und Entwicklung sollen allen Mitarbeitenden und Studierenden noch stärker präsent sein und möglichst vielfältig genutzt werden können. So ist denn auch eine Vergrösserung des im Vergleich mit anderen Pädagogischen Hochschulen noch niedrigen Anteils an Forschung ein Strategieziel unserer PH. Das war im Übrigen auch eine Auflage aus dem Verfahren für die institutionelle Akkreditierung der PH Luzern.

Weshalb gehen die Meinungen zum Umfang der Forschung an den PH in der Schweiz so stark auseinander? Unlängst hat ja gar ein bekannter Schweizer Schriftsteller deutlich zum Ausdruck gebracht, dass die Pädagogischen Hochschulen dieses Landes viel zu stark auf «Forschung, Forschung, Forschung» fokussiert seien…

Werner Wicki: Ich glaube, viele Leute wissen nicht, wie sehr sich die Hochschultypen in der Schweiz bezüglich Forschungsfinanzierung unterscheiden. Die Universitäten können im Durchschnitt die Hälfte ihrer verfügbaren Mittel für die Forschung ausgeben, die Fachhochschulen rund 20 Prozent, während viele Pädagogische Hochschulen, darunter auch die PH Luzern, nicht einmal auf 10 Prozent kommen. Man kann nicht auf der einen Seite die Lehrerbildung auf Hochschulniveau heben und auf der anderen Seite die Forschung an den PHs so minimal finanzieren. Forschung ist gemäss Hochschulgesetz eine notwendige Bedingung jeder Hochschule.

Welche Herausforderungen sind gegenwärtig und in naher Zukunft die grössten und wichtigsten?

Dorothee Brovelli: Betreffend Zukunft geht es darum, gesellschaftliche Entwicklungen wissenschaftlich fundiert mitzugestalten: Beispiele sind die zunehmende Diversität in der Schule, die digitale Transformation im Bildungsbereich oder die Notwendigkeit einer Bildung für nachhaltige Entwicklung. Neben Arbeiten mit einem direkten Nutzen für die Praxis sollen dabei auch grundlegende Erkenntnisse zu Bildungsprozessen gewonnen werden, die später die Basis für ein verbessertes Lehren und Lernen liefern könnten.

Das kann fast nur erfolgreich einhergehen mit dem Einsatz finanzieller Mittel…

Dorothee Brovelli: Die engen finanziellen Rahmenbedingungen sind in der Tat eine grosse Herausforderung bei der Umsetzung vieler Vorhaben. Dieser müssen wir durch eine Vielzahl an Massnahmen begegnen.

Zum Beispiel?

Dorothee Brovelli: Gewinnung weiterer Drittmittel, verstärkte Synergien zwischen Ausbildung und Forschung, Zusammenarbeit in fächerübergreifenden Strukturen, Kooperationen auf nationaler und internationaler Ebene und der Ausbau von Unterstützungsprozessen – von der Hilfe bei der Drittmitteleinwerbung über die forschungsmethodische Unterstützung bis zur Stärkung von Forschungskommunikation und Transfermassnahmen. 

Wie beeinflusst Ihre bisherige Forschungstätigkeit die Ausrichtung Ihrer neuen Aufgabe?

Dorothee Brovelli: Wie bereits angedeutet war und ist mir die Verbindung von Forschung und Lehre wichtig. Dies spiegelt sich auch in meinen eigenen Forschungsschwerpunkten wider. Meine Forschungsfragen ergaben sich häufig aus berufsfeldbezogenen Problemen, die in der Ausbildung der Studierenden diskutiert wurden, beispielsweise zu Gender-Aspekten im Physikunterricht, zu Kontext- und Problemorientierung und zum ausserschulischen Lernen. Zudem haben für mich Fragen der Professionalisierung von Lehrpersonen, etwa zur Gestaltung der Lehrpersonenbildung für integrierte Naturwissenschaften, zum Einbringen technischer Forschung ins Lehramtsstudium oder zum Umgang mit digitalen Ressourcen, eine grosse Bedeutung. 

Möchten Sie in den nächsten Jahren konkret etwas verändern?

Dorothee Brovelli: Wir haben uns, wie schon erwähnt, an der PH Luzern zum Ziel gesetzt, Forschung und Entwicklung kulturell und strukturell zu stärken und dabei den heute noch vergleichsweise geringen Forschungsanteil zu vergrössern. Dies ist wichtig, um die hohe Qualität unseres Angebots in Forschung und Lehre sowie unsere Wettbewerbsfähigkeit zu bewahren und weiterzuentwickeln. Die berufsfeldbezogene Forschung soll unbedingt jene Bedeutung im Bildungsbereich erhalten, die ihr aufgrund ihrer gesellschaftlichen und individuellen Bedeutung zukommt.

Wie beabsichtigen Sie, mit der PH Luzern hierbei einen gesellschaftlichen relevanten Beitrag zu leisten?

Dorothee Brovelli: Um mit unserer Forschung und Entwicklung einen gesellschaftlich relevanten Beitrag leisten können, müssen wir uns weiterhin aktuellen Fragestellungen widmen, wie der digitalen Transformation oder der Diversität in der Schule. Ausserdem werden wir die Forschungskommunikation stärken und den stetigen Transfer neuer Erkenntnisse ins Berufsfeld sichern. Neben dieser inhaltlichen Ausrichtung beschäftigen mich strukturelle Fragen zur gezielten Förderung von Mitarbeitenden, besonders zur Qualifikation von wissenschaftlichem Nachwuchs.

Werner Wicki: «Nachwuchsförderung» mag ein Wort sein, das viele erstmals mit Sport in Verbindung bringen. Aber die Nachwuchsförderung ist auch in der Forschung und Entwicklung ein ganz wichtiges Thema.

Dorothee Brovelli: Und aufgrund des fehlenden Promotionsrechts an den PHs keine leichte Aufgabe. Aber ich kann versichern: Die gezielte Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses findet statt. Da ist jede Investition der PH Luzern eine Investition mit Wirkungspotenzial weit über die PH Luzern hinaus.


Kontakt

Prorektorin Forschung und Entwicklung
Dorothee Brovelli
Prof. Dr. sc. nat.
Sentimatt 1
6003 Luzern
dorothee.brovelli@phlu.ch
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